Chemie in Alltagsprodukten

Im Mai 2020 haben wir in Zusammenarbeit mit dem Projekt zu nachhaltigerer Chemie in den globalen Leder-Lieferketten die Teilnehmenden am Bürgerpanel zum Thema „Chemie in Alltagsprodukten“ befragt. In der Befragung wurde u.a. die Wahrnehmung von Leder und Kunstleder sowie die Bekanntheit von verschiedenen Nachhaltigkeits-Labels zur Zertifizierung von Bekleidung erfragt. In einem weiteren Teil wurde die App „Scan4Chem“ vorgestellt, mit der Nutzende herausfinden können, ob in Bekleidung, Möbeln, Elektrogeräten u.a. problematische Chemikalien enthalten sind.

Von den 577 befragten Personen gaben 76% an, dass sie im Allgemeinen Produkte aus Leder kaufen. Bei den sechs Labels, die gelegentlich auf Textilien und Schuhen zu finden sind, zeigte sich ein deutlicher Unterschied in der Bekanntheit, wobei der Blaue Engel und das ÖKO-TEX Standard 100 am bekanntesten waren. Wenn Labels bekannt waren, gingen die Teilnehmenden auch davon aus, dass diese für Umwelt- und Gesundheitsschutz stehen. Die vorgestellte Scan4Chem-App stuften 68% der Personen, die die App zum Zeitpunkt der Befragung nicht nutzten (522 Personen), als hilfreich oder sehr hilfreich ein. Weitere Ergebnisse, u.a. zu Anforderungen an Lederprodukte oder Zahlungsbereitschaften, sind hier zu finden.

In der Praxis

Die Befragungsergebnisse flossen in das kooperierende Teilprojekt innerhalb des Gesamtprojekts „Systeminnovation für Nachhaltige Entwicklung“ (s:ne) ein, das sich mit einer nachhaltigeren Chemie in den Lederlieferketten befasst. Innerhalb des Teilprojekts wurden vier Arbeitsschwerpunkte entwickelt, in welche die Informationen und Erkenntnisse aus der Bürgerpanel-Befragung integriert wurden. Alle Arbeitsschwerpunkte beschäftigen sich mit Themen, die der Erfüllung des Sustainable Development Goal Nr. 12 („Nachhaltige/r Konsum und Produktion“) der Vereinten Nationen dienen. Nach einer Kick-Off-Konferenz im Juni 2020 wurde in zahlreichen Arbeitsschritten kontinuierlich mit Partnern aus Wirtschaft, Chemie, Design u.a. weitergearbeitet.

Der erste der vier Arbeitsschwerpunkte zielt darauf ab, die bestehenden, unterschiedlichen Normen in der Produktion von Leder und Lederprodukten zu vereinheitlichen und anzugleichen. Bisher fehlen global einheitliche Standards und rechtliche Vorgaben noch. Mit einer Vereinheitlichung dieser Standards sollen Wettbewerbsverzerrungen reduziert und somit das Qualitätsniveau von Lederprodukten insgesamt angehoben werden.

Im zweiten Arbeitsschwerpunkt werden der Aufbau eines branchenweiten, IT-basierten Austauschformates sowie der Aufbau von Konventionen vorangetrieben, um Chemikalien entlang der Lederlieferketten rückverfolgen zu können (sog. ‚Traceability‘). Dafür wurde Anfang 2021 eine Pilotstudie mit Kinderschuh-Hersteller Ricosta gestartet, um herauszufinden, wie man Traceability praktisch umsetzen könnte. Im Juni 2021 begann die Auswertung der ersten Ergebnisse. Eine wichtige Grundlage, die aus der Bürgerpanel-Befragung hervorging, ist die Bereitschaft der Konsument*innen, zusätzliche Kosten für die Rückverfolgbarkeit von Tierhäuten zu tragen. Dies kann einen unmittelbaren Einfluss auf die Gestaltung von Lederprodukten haben, indem Traceability-Konzepte in das Design mitgedacht werden können, ohne dass die Kosten hierbei ein zu großes Hemmnis darstellen.

Arbeitsschwerpunkt drei beschäftigt sich mit der zukünftigen Herstellung von Lederchemikalien, die auf einem ganzheitlichen Ansatz beruhen sollte. Ausgehend von einer Analyse der derzeit eingesetzten Chemikalien ist das Ziel, einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Herstellungsverfahren von Lederchemikalien zu leisten, bei dem die Belastungen für Mensch und Umwelt möglichst gering sind.

Im vierten und letzten Arbeitsschwerpunkt werden Richtlinien entworfen, die den Design- und Entwicklungsprozess von nachhaltigeren Lederprodukten unterstützen sollen. Diese sogenannten ‚Guidelines‘ sollen nicht nur Orientierung bei der Materialauswahl von Lederarten geben, sondern auch eine Unterstützung bei gestalterischen und technischen Entscheidungen (z.B. Farben, Pflegebedarf, Nähen statt Kleben) liefern. Hier hat die Bürgerpanel-Befragung u.a. dabei geholfen, als wichtig bewertete Merkmale von Leder herauszufiltern. Da Konsument*innen Leder durchaus als ein natürliches Produkt wahrnehmen, welches u.a. Naturmerkmale (z.B. ein sich mit der Zeit veränderndes Aussehen, „Altern“) besitzen darf, könnten Hersteller hier auf bestimmte Design-Optionen (z.B. Kaschierung mit Kunststoffbeschichtung) verzichten. Weiteren Einfluss der Ergebnisse könnte es bei den Guidelines in Bezug auf Marketingmaßnahmen am Verkaufsort und die Informationsvermittlung zu den Konsument*innen geben. Obwohl die Mehrheit der Teilnehmenden schon über allgemeines Wissen zur Herstellung von Leder verfügt, hat die Befragung gezeigt, dass z.B. in Bezug auf die Eigenschaften von Lederwaren und rechtliche Bestimmungen (noch) ein Mangel an Wissen besteht. Unter anderem ein solches Wissen wäre jedoch wichtig, um nachhaltigere Konsumentscheidungen zu treffen und z.B. höhere Preise oder bestimmte Produktmerkmale zu akzeptieren.

Die Leitlinien für das Teilprojekt mit den Partnern aus Wirtschaft, Chemie, Design u.a. entspringen einem Szenario mit dem Titel „Qualität durch Wertschätzung und Bewusstsein“, das im Rahmen des Projekts als Vision für die Lederbranche entwickelt wurde. Nach diesem Szenario würde sich im Jahr 2035 überall qualitativ hochwertiges Leder in einer die natürlichen Ressourcen schonenden Weise produzieren lassen. Außerdem sollen die Risiken von Chemikalien in den Prozessen und Produkten bis dahin weitgehend beseitigt oder unter Kontrolle sein.

Scan4Chem-App – EU-weit über 70.000 Downloads

Die App „Scan4Chem“, die im Rahmen des EU LIFE AskREACH Projekts gemeinsam mit Beteiligten der Hochschule Darmstadt entwickelt wurde, ist mittlerweile in vielen EU-Staaten in der jeweiligen Landessprache verfügbar. Sie soll über in Produkten enthaltene Schadstoffe Auskunft geben. Mehr als 70.000-mal wurde die App bis Juni 2021 heruntergeladen. In Deutschland ist erfreulich zu beobachten, dass das in der App verknüpfte „Adressbuch“, das die Kontaktdaten von Unternehmen enthält, gut gefüllt ist. Will man Informationen über besorgniserregende Stoffe eines Produkts erhalten und scannt dafür den Barcode eines Gebrauchsgegenstands (Möbel, Textilien, Spielzeug etc.), wird mit hoher Wahrscheinlichkeit der Adressat für die Anfrage automatisch erkannt. Wenn die App den Hersteller eines Produkts nicht erkennt, können Nutzende die Anfrage unmittelbar an den Händler weiterleiten, bei dem man das Produkt erwerben kann. Laut Beteiligten des EU LIFE AskREACH-Projekts würde allerdings nur bei 10% der Scans eine Anfrage von den Nutzenden an das Unternehmen gestellt. Zur Erstellung einer breiten, europaweiten Datenbank kommt es jedoch gerade auf das Stellen einer Anfrage an Unternehmen an.

Fazit

Seit der Bürgerpanel-Befragung im Mai 2020 hat sich im Projekt zur nachhaltigeren Chemie in den Lederlieferketten einiges entwickelt. Es wurden vier Arbeitsschwerpunkte gebildet, die gemeinsam unterschiedliche Aspekte der erforderlichen Veränderungen in der Lederbranche adressieren. Auch die Scan4Chem-App aus einem weiteren Projekt der Hochschule, die kostenlos in den App-Stores zur Verfügung steht, wurde weiterentwickelt. Diese bietet in der deutschen Version bereits heute wichtige Funktionen, die den Konsument*innen Aufklärung über Schadstoffe in Gebrauchsgegenständen ermöglichen und damit bestenfalls einen bewussteren, nachhaltigeren Kauf von Produkten fördern können.

Kontakt

Prof. Dr. Daniel Hanß

Dr. Charis Stoica

Dr. Helena Müller

Die Umsetzung in der Presse