Lederherstellung

Befragungsergebnisse Chemie in Alltagsprodukten

Nachhaltigkeit in der Lederherstellung

Mitte Juni '20 endete unsere Befragung „Chemie in Alltagprodukten“, an der sich 577 Personen mit ihren Meinungen beteiligten. Die Befragung erfolgte in Zusammenarbeit mit einem Projekt zu nachhaltigerer Chemie in den globalen Leder-Lieferketten. Dabei wurde ebenfalls eine App vorgestellt, mit der Nutzende herausfinden können, ob in Bekleidung, Spielzeug, Möbeln und Elektrogeräten problematische Chemikalien enthalten sind. Die Weiterentwicklung der App erfolgt unter Einbeziehung der Meinungen und Wünsche der Befragten.  Wir danken allen Teilnehmenden, dass sie sich die Zeit für die Beantwortung der Fragen genommen haben.

Teilnehmende

  • 238 Männer
  • 293 Frauen
  • 2 Personen: divers
  • 44 Personen: ohne Geschlechtsangabe
  • Altersdurchschnitt: 48 Jahre
  • Altersspanne: 19-80 Jahre

Wahrnehmung von Leder & Kunstleder

Zu Beginn der Befragung wurden die Teilnehmenden gebeten, ihre Wahrnehmung von echtem Leder (tierisches Leder) und Kunstleder mitzuteilen. Dazu wurden ihnen beschreibende Adjektivpaare vorgelegt, die sie gegeneinander abwägen sollten. In der nachfolgenden Grafik sehen Sie die jeweiligen Mittelwerte für Leder und Kunstleder. Überschneiden sich die Konfidenzintervalle der Mittelwerte von Leder und Kunstleder nicht (s. Grafik), sind die Bewertungsunterschiede statistisch bedeutsam.

Hier wird deutlich, dass Leder eher als natürlich, hochpreisig, hochwertig und widerstandsfähig wahrgenommen wird. Kunstleder hingegen wird als eher künstlich, günstig und minderwertig wahrgenommen. Bezogen auf die Umweltfreundlichkeit wird Leder neutral, Kunstleder hingegen eher umweltbelastend wahrgenommen. Außerdem erscheint in der Wahrnehmung der Befragten Kunstleder moderner und moralisch vertretbarer als Leder.

Von den 577 Befragten gaben 76% an, dass sie Produkte aus Leder kaufen. Dass die restlichen über 20% der Befragten auf solche Produkte verzichten, begründen sie häufig mit dem Tierwohl oder einem zu hohen Preis. Bei Kunstleder zeichnet sich folgendes Bild ab: Knapp die Hälfte der Teilnehmenden (49%) gab an, dass sie Produkte aus Kunstleder kaufen. Die restlichen Befragten, die keine Kunstleder-Produkte kaufen, begründeten dies mit fehlendem Gefallen, einer geringen Haltbarkeit und der Unnatürlichkeit des Materials. Die Mehrheit der Teilnehmenden (76%) gab an, auch Lederpflegeprodukte zu kaufen, wobei etwa 40% der 438 Personen, die Pflegeprodukte kaufen, auf die darin enthaltenen Chemikalien achten.

Eine Möglichkeit, Hinweise auf die Herstellung von Lederprodukten und damit auch auf die verwendeten Chemikalien zu erhalten, sind Labels, mit denen Bekleidung und Schuhe zertifiziert werden können.

Labels zur Zertifizierung von Bekleidung & Schuhen

Im nächsten Teil unserer Befragung haben wir deswegen sechs verschiedene Labels aufgeführt, die gelegentlich auf Bekleidung und Schuhen zu finden sind. Uns interessierte, wie gut die Teilnehmenden die Labels kennen und wie sie diese in Bezug auf Umwelt- und Gesundheitsschutz einschätzen. Die folgende Grafik stellt dar, wie die verschiedenen Labels eingeschätzt wurden.

Der Blaue Engel, der seit über 40 Jahren das Umweltzeichen der Bundesregierung ist, ist unter den Teilnehmenden das bekannteste Label. Außerdem gaben 38% der Befragten an, die Zertifizierung des ÖKO-TEX Standard 100 zu kennen. Der vergleichsweise neue Grüne Knopf und das  GOTS-Label waren jeweils gut 15% der Befragten bekannt, die lederspezifischen Labels des IVN und ÖKO-TEX-Leder waren jeweils kaum bekannt.

Neben dem Bekanntheitsgrad und der Einschätzung zum Umwelt- und Gesundheitsschutz haben wir die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Aspekten untersucht. Zuerst fällt auf, dass Teilnehmende, die ein Label nicht kannten, häufig keine Einschätzung zum Umwelt- und Gesundheitsschutz gegeben haben. Unter den Personen, die ihre Wahrnehmung der Labels angaben, zeigten sich interessante Zusammenhänge: Wenn Labels bekannt waren, wurden sie auch häufig als engagiert im Umwelt- und Gesundheitsschutz eingeschätzt. Darüber hinaus machten die Befragten selten einen Unterschied zwischen diesen beiden Qualitätskriterien: Labels, die als engagiert im Umweltschutz gesehen wurden, erhielten für den Gesundheitsschutz häufig eine ähnliche Einschätzung.

Wissensquiz zur Lederproduktion

Das Ziel des Wissensquiz war es, einen Eindruck davon zu bekommen, wie gut sich die Teilnehmenden mit Lederprodukten und deren Herstellung auskannten. Das Quiz bestand aus zwölf Aussagen, die als „wahr“ oder „falsch“ bewertet werden konnten.

Dabei zeigte sich, dass nahezu alle Teilnehmenden (99,8%), die diese Fragen beantwortet haben, wussten, dass beim Gerbprozess viel Wasser verbraucht wird. Andere Aussagen bezüglich der Lederherstellung wurden ebenfalls von einem Großteil der Teilnehmenden richtig beantwortet. Nur etwa ein Drittel der Antwortenden wussten hingegen, dass „echtes Leder“ nicht immer ohne Kunststoffanteil ist (34,9%) und dass deutsche Hersteller und Händler von Lederwaren nicht gesetzlich dazu verpflichtet sind, die im Leder enthaltenen Chemikalien zu kennen (31,0%). Hier können in der Praxis Informationskampagnen ansetzen. Weitere Berechnungen zeigten, dass Personen mit höherem Wissensstand über die Lederproduktion eher keine Lederprodukte kaufen und sich eher für die Alternative Kunstleder entscheiden. Daraus lässt sich schließen, dass zwischen dem Wissen über die Konsequenzen der Lederherstellung und dem Verzicht auf Leder ein leichter Zusammenhang besteht.

Neben dem objektiven Wissensstand haben wir auch abgefragt, wie problematisch die Lederherstellung bewertet wird. Dabei zeigte sich, dass die Befragten im Durchschnitt zustimmten, dass die herkömmliche Lederherstellung mit Problemen für Umwelt und Gesundheit verbunden ist. Tendenziell erkannten die Befragten dabei auch ihre Verantwortung für Umwelt- und Gesundheitsschutz, die sie bei der Kaufentscheidung für oder gegen Produkte übernehmen können. Besonders auffällig war jedoch, dass die Befragten Schwierigkeiten bezüglich des Kaufs von umwelt- und gesundheitsverträglichen Lederprodukten berichteten. Das kann am Preis liegen, aber auch an fehlender Information über verfügbare Produkte und deren Inhaltsstoffe.

 

Anforderungen an Lederprodukte

Im nächsten Schritt konnten die Befragten aus acht verschiedenen Eigenschaften für Lederprodukte wählen, welche sie als besonders wichtig erachten. Die Teilnehmenden hatten 100 Punkte zur Verfügung, die sie auf die verschiedenen Eigenschaften verteilen konnten. Die folgende Grafik zeigt, wie viele Punkte im Durchschnitt je Eigenschaft vergeben wurden.

Die Robustheit von Lederprodukten stellt für die Teilnehmenden mit Abstand die wichtigste Eigenschaft dar. Eine weitere bedeutsame Eigenschaft ist ein natürliches Aussehen des Leders, gefolgt von der Wasserfestigkeit. Für die UV-Beständigkeit wurden durchschnittlich die wenigsten Punkte vergeben.

 

Zahlungsbereitschaft für Lederprodukte

Uns interessierte außerdem, ob die Teilnehmenden bereit waren, für umwelt- und gesundheitsverträglich hergestellte Lederprodukte einen Aufpreis zu zahlen. Hierfür wählten wir exemplarisch die Produktkategorie Lederschuhe aus und befragten die Teilnehmenden, für welchen Preis sie ein bestimmtes Paar Lederschuhe unter drei unterschiedlichen Bedingungen erwerben würden. Hier konnte mit einem Schieberegler maximal 350€ und minimal 0€ angegeben werden. Dabei gaben die Teilnehmenden an, bereit zu sein, für umwelt- und gesundheitsverträglich hergestellte Schuhe durchschnittlich 30€ mehr zu bezahlen als für Schuhe aus herkömmlich hergestelltem Leder. Wenn zusätzlich der Ursprung der verwendeten Tierhaut bekannt wäre, waren die Teilnehmenden bereit, im Vergleich zu Produkten aus herkömmlicher Herstellung durchschnittlich 45€ mehr zu bezahlen. Es ist zu erkennen, dass die angegebene Zahlungsbereitschaft mit einer nachhaltigen Produktion und zusätzlichen Informationen über die Herkunft der Tierhaut steigt. Inwiefern sich diese Absicht auch im tatsächlichen Kaufverhalten zeigt, kann auf Grundlage der Befragung allerdings nicht beantwortet werden.

 

Scan4Chem – eine App, die ins Innere der Produkte schaut

In einem letzten Schritt wurde den Befragten die Smartphone-App „Scan4Chem“ vorgestellt. Sie wurde in einem EU-Projekt von der Hochschule Darmstadt gemeinsam mit Behörden, NGOs und IT-Dienstleistern entwickelt. Die frei verfügbare App unterstützt Verbraucherinnen und Verbraucher dabei, Informationen über umwelt- und gesundheitsschädliche Chemikalien in Produkten (z.B. Bekleidung, Spielzeug, Möbel, Elektronikgeräte) zu erhalten, indem Anfragen an die Hersteller und Händler gestellt werden können. Diese sind nach der EU-Chemikalienverordnung REACH gesetzlich verpflichtet, besonders besorgniserregende Stoffe im Produkt zu benennen. Des Weiteren soll die App dazu beitragen, Verbraucherinnen und Verbraucher für die Thematik von Chemikalien in den aufgezählten Produkten zu sensibilisieren. Zudem zielt sie darauf ab, Unternehmen zu motivieren, bei der Herstellung ihrer Produkte auf problematische Stoffe zu verzichten.

Zum Zeitpunkt der Erhebung nutzten vier der Teilnehmenden die App. Von den übrigen Befragten fänden 68% die App hilfreich bis sehr hilfreich. Etwas weniger als die Hälfte der Befragten möchten die App künftig nutzen (45%). Die meistgewünschten Eigenschaften (je 88%) der Scan4Chem-App waren eine Suchfunktion für Produkte, die von Behörden vergebene Siegel tragen, sowie die Empfehlung von Produktalternativen ohne problematische Chemikalien. Außerdem wünschten sich die Teilnehmenden von der App Informationen zur Produktion mitsamt Lieferketten, Arbeitsbedingungen und Herstellungsprozessen der Produkte.

Fazit

Leder und Kunstleder werden von den Teilnehmenden sehr unterschiedlich wahrgenommen. Außerdem wissen die Teilnehmenden über verschiedene Aspekte der Lederproduktion unterschiedlich gut Bescheid, so dass weiterer Informationsbedarf besteht. Teilnehmende waren sich häufig über Konsequenzen der herkömmlichen Lederproduktion für Mensch und Umwelt bewusst, äußerten jedoch Schwierigkeiten, nachhaltig produzierte Lederprodukte zu erkennen und zu kaufen. Wir hoffen, u.a. mit der Scan4Chem-App Menschen beim Kauf von Produkten ohne problematische Chemikalien zu unterstützen. Die weiteren Entwicklungen hierzu können Sie bei uns auf der Webseite nachverfolgen.

Weitere Informationen

Kontakt

Prof. Dr. Daniel Hanß

Kommunikation
Haardtring 100
64295 Darmstadt
Büro: A10, 403

+49.6151.16-37969

Helena Müller

Kommunikation
Haardtring 100
64295 Darmstadt
Büro: A10, 4.02

+49.6151.16-30216

Dr. Charis Stoica

Die Befragung in der Presse

Chemie in Alltagsprodukten
Beitrag im Darmstädter Echo (20.10.2020).
 

Meinungen zu Lederprodukten und Schadstoff-App gefragt: Neue Bürgerpanel-Umfrage gestartet
Beitrag auf darmstadtnews.de (07.05.2020)

 

Alle sind gefragt
Blogbeitrag der Schader Stiftung (30.04.2020)